Feststellung von Regelverstößen

Lehren und Lernen ist ohne die Einhaltung bestimmter Regeln nicht möglich. Regelverstöße wirken sich meist als Störung des Unterrichts aus. Der Lehrer sieht sich zum Eingreifen genötigt, die Lernziele geraten für kürzere oder längere Zeit in den Hintergrund, möglicherweise ist sogar das Ziel der ganzen Unterrichtsstunde gefährdet.
Es ist aber keineswegs immer eindeutig, was als Regelverstoß zu gelten hat, denn die jeweilige Situation läßt sich durchaus unterschiedlich beurteilen. Ob eine Regelverletzung bzw. welche vorliegt, entscheidet jeder Lehrer nach einem Normensystem, das sich im Lauf seines persönlichen und beruflichen Werdegangs herausgebildet hat und als Grundlage für die Verhaltensbeurteilung der Schüler dient. Dieses Normensystem wird von vielfältigen Faktoren geprägt, u.a. von

- seinen früheren Schul- und jetzigen Berufserfahrungen,- seinen Einstellungen bestimmten Schülern und Klassen gegenüber,-
   seinen allgemeinen pädagogischen Zielen und seinen besonderen Unterrichtszielen,
- verschiedenen Rahmenbedingungen wie Schultyp und Unterrichtsfach,
- seiner politischen Orientierung sowie
- seiner augenblicklichen subjektiven Befindlichkeit.

Von dem spezifischen Normensystem des Lehrers hängt seine jeweilige Konflikttoleranz. in bestimmten, schwierigen Unterrichtssituationen ab.

Anregung

Prüfen Sie bitte Ihre eigene Konflikttoleranz bei den folgenden Fallbeschreibungen, die auf tatsächlichen Unterrichtssituationen (mit Namensänderungen) beruhen. Überlegen Sie, ob nach Ihrem Normensystem eine Regelverletzung, die ein Eingreifen des Lehrers erfordert, vorliegt oder nicht, und begründen Sie Ihre Entscheidung.

Beispiel 1

Herr Maier unterrichtet an einer Berufsschule die Fächer Deutsch und Politik. Die Schüler seiner Klasse sollten zu Hause einen Bericht schreiben. Zu Beginn der Deutschstunde fordert Herr Maier einige Schüler auf, mit dem Heft vor die Klasse zu treten und ihren Bericht vorzulesen. Als Bodo aufgerufen wird, bleibt er an seinem Platz sitzen und fängt von dort aus an, laut und vernehmlich vorzulesen.

Liegt nach Ihren Verhaltensnormen eine Regelverletzung vor, die ein Eingreifen des Lehrers erfordert? ja / nein

Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?

Beantwortungsbeispiel:

Ja: Der Schüler soll beim Verlesen seiner Hausaufgaben vor die Klasse treten, weil er dann besser verstanden wird.
Nein: Die gestellte Aufgabe kann ebenso gut vom Platz aus erfüllt werden. Es entsteht dadurch sogar weniger Zeitverlust.

Beispiel 2

Frau Fröhlich unterrichtet an einer Hauswirtschaftsschule das Fach Ernährungslehre. In letzter Zeit strickt Ute häufig während des Unterrichts. Frau Fröhlich fühlt sich jedesmal gestört, denn der Unterricht erscheint ihr dadurch abgewertet. Sie hält der Schülerin vor, dass sie nicht richtig mitarbeiten könne, wenn sie gleichzeitig stricke. Doch Ute versichert ihr das Gegenteil und strickt munter weiter.

Liegt nach Ihren Verhaltensnormen eine Regelverletzung vor, die ein Eingreifen des Lehrers erfordert? ja / nein

Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?

Beispiel 3

Herr Mittelstädt unterrichtet seit einem halben Jahr in einem zweiten Lehrjahr 26 Schüler. Er hat diese Klasse schon im ersten Schuljahr geführt und kennt die einzelnen Schüler recht gut. Im Unterricht ist er darum bemüht, die Gesprächsfähigkeit der Schüler zu fördern, und er freut nicht dass ihm dies schon weitgehend gelungen ist. Doch mit Barbara gibt es immer wieder Schwierigkeiten. Diese redegewandte und leistungsstarke Schülerin kommentiert ungefragt fast jeden Beitrag ihrer Mitschüler und fällt auch häufig dem Lehrer ins Wort. Ihre Bemerkungen sind meist treffend und originell, aber sie platzt damit heraus, ohne sich zu melden.

Liegt nach Ihren Verhaltensnormen eine Regelverletzung vor, die ein Eingreifen des Lehrers erfordert? ja / nein

Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?
 

Beispiel 4

Frau Grenz ist seit einem halben Jahr Klassenlehrerin in einer BFS - Klasse mit 29 Schülern, in der sie sehr gern unterrichtet. Die Schüler arbeiten gut mit, der Unterricht findet meist in einer entspannten Atmosphäre statt, und es gibt kaum Disziplinschwierigkeiten. Ärgern muß sich Frau Grenz jedoch oft über Wolfgang, der sich ständig ungeniert mit seinen Tischnachbarn unterhält. Wenn sich alle anderen Schüler einem Arbeitsauftrag zuwenden oder in eine Aufgabe vertieft sind, dann ist Wolfgangs Stimme fast immer noch zu hören.

Liegt nach Ihren Verhaltensnormen eine Regelverletzung vor, die ein Eingreifen des Lehrers erfordert? ja / nein

Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?

Beispiel 5

Frau Kuhn ist Klassenlehrerin in einer Vollzeitklasse. An vier Wochentagen unterrichtet sie jeweils die erste Stunde in dieser Klasse. Um ihren Schülern mit gutem Beispiel voranzugehen, bemüht sie sich selbst stets um Pünktlichkeit. Einzelne Schüler kommen allerdings manchmal zu spät. Mit der Klasse hat Frau Kuhn vereinbart, dass die zuspätkommenden Schüler möglichst unauffällig ihre Plätze aufsuchen und sich erst nach der Stunde entschuldigen. Ekkehard kommt innerhalb einer Woche schon zum dritten Mal zu spät. Zweimal hat er sich entschuldigt, der Bus sei verspätet angekommen , bzw. seine Mutter habe ihn nicht rechtzeitig geweckt. Aber dieses Mal bleibt er nach der Stunde einfach auf seinem Platz sitzen, ohne etwas zu sagen.

Liegt nach Ihren Verhaltensnormen eine Regelverletzung vor, die ein Eingreifen des Lehrers erfordert? Ja / nein

Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?

nach: Becker et.al. Schülerprobleme – Lehrerprobleme, Tübingen 1979

 

Anregung:Sammeln Sie aus Ihrer eigenen Unterrichtserfahrung Bespiele für "Unterrichtsstörungen". Versuchen Sie, z.B. durch eine einfache Diagrammdarstellung Ihre eigene Konflikttoleranz und Ihr eigenes Normensystem kennen zu lernen.

Alternativ können Sie den folgenden Fragebogen benutzen:
Kreuzen Sie im nachfolgenden Fragebogen die Fälle an, in denen Sie sofort intervenieren würden (5) bis hin zu denen, die sie vollständig ignorieren (1)
Die Fälle beziehen sich jeweils auf Situationen im Unterricht.
Notieren Sie zusätzlich, ob Sie sofort (s) oder aufgeschoben (a) (z.B. nach der Unterrichts-stunde ) handeln würden.

 
Nr.
Fallbeschreibung
5
4
3
2
1
s
a
1 Mitschüler werden tätlich von angegriffen              
2 Ein Schüler behindert eine Gruppenarbeit              
3 Eine Schülerin strickt im Unterricht              
4 Ein Schüler redet auf seinen Nachbarn ein, dem ist dies offensichtlich nicht unangenehm.              
5 Eine Schülerin liest die Bild-Zeitung              
6 Ein Schüler steht in der Stunde auf               
7 Während einer Gruppenarbeit steigt der 

(sachbezogene) Lautstärkepegel

             
8 Schüler gehen häufig zur Toilette              
9 Im Raum ist ein permanentes "weißes Rauschen"              
10 Zwei Schüler führen während eines Lehervortrages eine angeregte Diskussion              
11 Ein Schüler weigert sich, aktiv am Unterricht teilzunehmen, stört aber nicht              
12 Ein Schüler beschimpft Sie persönlich              
13 An einem Gruppentisch wird in leisem Ton sachfremdes besprochen              
14 Zwei Schüler reden während einer Gruppenarbeit über ihren neuen Wagen              
15 Ein Schüler wackelt auf seinem Stuhl              
16 Während Sie die Tafel putzen steigt der Lärmpegel              
17  Eine Schülerin "klickert" nervös mit dem Kugelschreiber              
18 Zwei Schülerinnen tauschen kichernd Briefe aus              
19 Schüler gehen – ohne Erlaubnis – zu Mitschülern, um sich ein Blatt Papier zu borgen              
20 Ein Schüler träumt offensichtlich              
 

Bilden Sie bitte nun die jeweiligen Summen:

 
Beschreibung
Fragen Nr.
Punkte
Stören, aggressives Verhalten 1,2,10,12
Schwatzen 4,13,14,18  
Unaufmerksamkeit, Ungehorsam 3,5,11,20  
Lärm machen 7,9,16,17  
Motorisches Verhalten 6,8,15,19  
 

Je höher Ihre Summe ist, desto geringer ist Ihre Konflikttoleranz in dem jeweiligen Bereich.

Naturgemäß kann ein solcher Fragebogen keinen endgültigen Aufschluss über Ihre Konflikttoleranz bieten, er hilft jedoch, den Blick für Ihre eigene Position und Einstellung zu schärfen.

Überlegen Sie sich nun – in einem zweiten Durchgang – wie Sie jeweils

a) situativ
b) aufgeschoben

reagieren würden.

Beispiel:

"Mitschüler werden tätlich angegriffen"

situativ
eher günstig: sofort intervenieren
absolut ungünstig: ignorieren oder humorvolle Bemerkungen machen
aufgeschoben:
eher günstig: Fall in einer der nächsten Stunden thematisieren
eher ungünstig: "Schwamm d’rüber"
 

Überlegen Sie sich nun bitte, wie Sie den skizzierten Situationen im voraus begegnen können, z.B.
bei motorischen Störungen: ca. alle 30 min Gelegenheit zur Bewegung geben
bei "Schwatzen": nach 45 min Unterricht eine kleine "Schwatzpause" einlegen
Bei "notorischen" Störern: Strichliste führen, umsetzen ...
 

Da viele von den Faktoren voneinander abhängen, kann schon ein "Entgegenkommen" in einem Bereich positive Auswirkungen in einem anderen Bereich haben:
Ein (mir bekannter) Lehrer an einem Berufskolleg frühstückt jeden morgen ca. 15 – 20 min mit seinen Schülern zusammen zu Unterrichtsbeginn. Dadurch entsteht eine Gelegenheit, sich gegenseitig Neuigkeiten zu erzählen, das Lernklima wird verbessert Es lohnt sich sicher, über nicht alltägliche Dinge nachzudenken...