Helmut Richter

Die Leittextmethode

Die Leittextmethode ist seit mehreren Jahren in der beruflichen Erstausbildung etabliert und als wirksames Verfahren zur Entwicklung beruflicher Handlungsfähigkeit anerkannt.
Die Verlaufsform der Leittextmethode berücksichtigt konsequent die einzelnen Phasen der idealtpischen Ablaufstruktur menschlichen Problemlöseverhaltens . Das zentrale Ziel der Leittextmethode ist es, durch Entwicklung bzw.  Förderung des Heurismus zur Durchführung kompetenter Handlungen in Problemlöseprozessen  Fähigkeiten zur Selbststeuerung von Lern- bzw.  Problemlöseprozessen zu entfalten, so daß die jeweils erforderlichen berufspraktischen Fähigkeiten mit den korrespondierenden fachtheoretischen Kenntnissen verbunden werden.  Hierbei wirkt der Ausbilder, Trainer oder Dozent vorrangig als Berater.
Verlaufsform:

1 . Phase - Informieren

Der Handelnde soll durch Informationsbeschaffung den erwünschten Ziel- oder Sollzustand konkretisieren.

2. Phase - Planen

Die Planungsphase zielt insbesondere auf die Entwicklung von Fähigkeiten zur Antizipation und Erzeugung von Handlungsplänen.  In dieser Phase werden Handlungspläne und - für die nachfolgende Kontrollphase - Kontrollbögen eigenständig erstellt und z. B. schriftlich fixiert.

3 . Phase - Entscheiden

Durch ein Fachgespräch mit einem Experten sollen sowohl die logische Stringenz - z. B. in Form von Vor- und Nachteilsabwägungen - als auch mögliche Fehler oder Lücken in den Handlungsplänen erörtert werden.  Bezugnehmend auf die Ergebnisse dieses Gesprächs wird ein Handlungsplan ausgewählt.

4. Phase - Ausführen

Die Ausführung der Handlung erfolgt auf der Basis des generierten Handlungsplans.

5. Phase - Kontrollieren

Sowohl die Handlungsteilziele als auch der endgültige Sollzustand werden durch Eigen- und Fremdkontrolle im direkten Vergleich mit dem Handlungsplan kritisch überprüft.

6. Phase - Bewerten

Auf der Basis eines Expertengesprächs erfolgt eine Gegenüberstellung von Handlungsergebnis, Handlungsplan und Kontrollbogen.  Hierbei sind insbesondere Fehler und Fehlerursachen zu analysieren.  Darüber hinaus hat diese letzte Phase für den begleitenden Experten den Sinn, Qualifikationsdefizite zu identifizieren, um entsprechende Lernarrangements zum zukünftigen Abbau dieser Defizite zu planen.
Die wichtigsten Strukturelemente für die Leittextmethode sind - neben schriftlich fixierten Handlungsplänen und Kontrollbögen - sogenannte Leitfragen und Leitsätze:

*  Leitfragen dienen sowohl als Anleitung zur intellektuellen Durchdringung der   bevorstehenden Arbeit als auch als
   Strategievermittlung für eine planmäßige  Vorgehensweise oder Informationssammlung,

*  Leitsätze stellen fachliche Hinweise - auch ergänzender Art - zu den Leitfragen dar.  Sie beinhalten zumeist Informationen,
   die nicht unmittelbar in Fachbüchern aufzufinden sind.

Eine grundsätzliche Bedeutung für die Entwicklung beruflicher Handlungsfähigkeit kommt dem Ausprägungsgrad der Leitfragen zu: Eng auf die Arbeitssituation bezogene und ausführlich formulierte Fragestellungen ziehen zwar primär eine algorithmische , zuweilen recht kleinschrittige und für das Handlungslernen nicht unbedingt förderliche Vorgehensweise zur Aufgabenbearbeitung nach sich; sie bieten dem Lernenden aber zu Beginn der ersten Kontaktaufnahme mit der Leittextmethode eine gewisse Sicherheit in der Vorgehensweise.  Für eine gezielte Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz ist aber die Formulierung 'offenerer' Leitfragen vorzuziehen.
Der grundsätzliche Unterschied der Leittextmethode zu der o. a. Projektmethode liegt also in dem Umstand, daß Themenstellungen von Projekten sich grundsätzlich nach den Bedürfnissen, Interessenlagen und Wünschen der Teilnehmer richten und entsprechend von den Teilnehmern formuliert werden (Eigenbestimmung), demgegenüber Leittexte und Leitfragen darauf abzielen. bestimmte "extern'  vorgegebene Ziele zu erreichen (Fremdbestimmung).

Text angelehnt an:
Hagge,B., Jenewein,K., Kramer,B.,Sanfleber,H., Vahling,L.  Modellprojekt "Unterstützung der notwendigen Umstrukturierung in der Montanregion durch Bildung und Beratung"
Gemeinsamer Abschlußbericht des Projekträgers und der wissenschaftl. Begleitung.  Düsseldorf/Duisburg 1993


Übungen zur Leittextmethode

1. Die Leittextmethode wurde zur Entwicklung beruflicher Handlungsorientierung  in der beruflichen Erstausbildung entwickelt,
    ist also eher eine "praktisch" orientierte  Methode.  Erörtern Sie Argumente, die dennoch für einen Einsatz dieser Methode
    in der theoretischen Ausbildung sprechen.

2. Erläutern Sie die Rolle des Ausbilders/Lehrers in der Leittextmethode !

3. Welche Aufgaben kommen den Leitfragen bzw.  Leittexten zu ?

4. Unterscheiden Sie anhand einiger Beispiele "offene" und geschlossene" Fragestellungen. Erläutern Sie, wo diese
    Frageformen jeweils zu Anwendung kommen.

5.    Man unterscheidet in der Lernpsychologie extrinsische und intrinsische Motivationslagen.
      Ordnen Sie unter diesem Gesichtspunkt ein :
          a) Projektmethode  b) Leittextmethode  c) Lehrervortrag

6.  Erstellen Sie mit Hilfe des Artikulationsschemas zur Leittextmethode, eines  Tabellenbuches und eines Schulbuches
     (als Arbeitsunterlage für die Hand des Schülers) einen Leittext zu den Themenstellungen

            a) FPT : Sägen                      b) WT  Roheisengewinnung im Hochofen
            c) WT : NE - Metalle            d) SRT  Wirkungen des el. Stromes
            e) SRT : Steuerungsarten

  Das Niveau sollte sich an einer Berufsschulklasse (l.  Ausbildungsjahr) orientieren.

7. Welche Vorteile sprechen -nach Ihrer Meinung- für den Einsatz der Leittextmethode  im Schulalltag, welche dagegen ?