Helmut Richter
Orientierungspunkte für die Gestaltung "handlungsorientierter Aufgaben"

Inhalt
1. Orientierungspunkte für die Gestaltung handlungsorientierter Lernprozesse

2. Orientierungspunkte für die Gestaltung handlungsorientierter Aufgabenstellungen

3. Beispiele für Aufgabenstellungen
        3.1 Beispiel für ungünstige Aufgabenstellungen
        3.2 Beispiel für günstige Aufgabenstellungen

4. Literaturhinweise und Anmerkungen



1. Orientierungspunkte für die Gestaltung handlungsorientierter Lernprozesse 1)
(Originaltext hier stark gekürzt!)
Natürlich gibt es für die Gestaltung handlungsorientierten Unterrichts sowie für Formulierun-gen von Aufgaben keine "Kochrezepte". Die nachfolgenden Orientierungspunkte sollen daher lediglich den Blick auf die Problematik schärfen.

2. Orientierungspunkte für die Gestaltung handlungsorientierter Aufgabenstellungen

Allgemein sollte eine Aufgabe im Handlungsorientierten Unterricht die Phasenstruktur menschlichen Handelns widerspiegeln : PLANUNG - DURCHFÜHRUNG - KONTROLLE 2)

Es hat sich in der Praxis als sinnvoll erwiesen, daß die formale Struktur einer Aufgabe wie folgt aussieht : 2)

Problemstellung/Handlungsziel
Einführung in die Problematik, um den Berufsbezug zu verdeutlichen
und somit die Motivation zu vergrößern, Handlungsziel begründen
Poblemanalyse (Aufgabenstellung)
Angabe der Aufgabenstellung : Was soll der Lernende tun ?
Problem in Teilaufgaben untergliedern
 
Lösungsplanung/Entwicklung
Planen der Vorgehensweise bei der Lösung der Aufgabe, z. B. durch
Aufstellung eines Arbeitsplanes, ggf. korrigieren.
 Ausführung
Eine Fertigung kann in der Schule/in der Lernerfolgsüberprüfung natürlich
nicht erfolgen, dafür können jedoch Berechnungen angestellt werden oder
es kann ein gedanklicher Vollzug der Handlung erfolgen
(...)
 
Kontrolle/Bewertung
z.B. durch Angabe der Prüfmittel, Prüfpunkte usw.
Dokumentation erstellen, Ergebnis erläutern usw.
Reflexion/Transfer
Das erzielte Ergebnis rückblickend analysieren und bewerten

Im Einzelnen können - in Anlehung an die obigen Ausführungen- für die Konstruktion handlungsorientierter Aufgabenstellungen folgende Anregungen gegeben werden:

2.1 Wählen Sie eine praxisbezogene Aufgabe bzw.Problemstellung aus dem Erfahrungsraum der Lernenden.

Beispiel: Eine Montageaufgabe für einen Industriemechaniker/Betriebstechnik, Planung einer Drehaufgabe für einen ZMDR, Installationsaufgabe für "Elektriker".

2.2 Sorgen Sie dafür, daß die Aufgabe fächerübergreifend gestellt wird, daß bei der Lösung die Erkenntnisse aus mehreren Fächern benötigt werden. Dies kann sogar schon in der Grundstufe erfolgen.
Beispiel: Planung einer Gittertür in der Grundstufe Konstruktionsmechaniker: Teilung,
Prüfmittel, Sägen, Anreihen, Bohren, technische Zeichnung erstellen ....

 2.3 Berücksichtigen Sie die Überprüfbarkeit der Teilaufgaben durch die Gütekriterien einer Lernhandlung. Stellen Sie sich selbst z.B. die Frage:
- Kann ich mit der Aufgabe feststellen, ob der Lernende zielgerichtet vorgeht ?
- Ist in der Aufgabe eine solide Fachkenntnis vorausgesetzt ?

2.4 Geben Sie bei der Aufgabenstellung möglichst keine Quellen für die Informationsbeschaffung an, zumindest keine Seitenzahlen z.B. im Tabellenbuch, sondern verweisen Sie auf die entsprechende Norm oder das Inhaltsverzeichnis.

2.5 Verzichten Sie auf Aufgabenstellungen, die bloßes Wissen abverlangen.
Vermeiden Sie also Formulierungen wie "Nennen Sie... Wieviel .... "
Vermeiden Sie bloße Aufzählungen.
Formulierungshilfen : (übrigens angelehnt an die Lernzieltaxonomien nach Bloom)

 

ungünstig
günstig
Geben Sie an... Erläutern Sie ...
Nennen Sie... Unterscheiden Sie ...
Definieren Sie ... Formulieren Sie ...
Benennen Sie ... Wählen Sie ... aus
Vervollständigen Sie ... Planen Sie ...
  Kontrollieren Sie...
 
2.6 Versuchen Sie, dem Lernenden Handlungsspielräume zu lassen, z.B. dadurch, daß Sie Handlungsalternativen zulassen.
Beispiel: Bei einer Fertigungsaufgabe die Auswahl verschiedener Schneidstoffe zulassen,natürlich mit den entsprechenden Folgen für die Kenngrößen des Zerspanungsprozesses.
Die verschiedenen möglichen Ergebnisse sind jeweils als richtig zu bewerten.
 

2.7 Tragen Sie dafür Sorge, daß in einer Aufgabe eine Arbeitsplanung durchgeführt werden muß. Ein bewährtes Muster dafür ist z.B.

 Nr.         Arbeitsgang                 Werkzeug/Prüfmittel             techn. Daten

 
2.8 Beziehen Sie den Lernenden -wo immer es möglich ist-mit in die Beurteilung ein. Besonders leicht ist dies in der technischen Kommunikation, wo anhand angefertigter Zeichnungen deren fachgerechte Ausfertigung mit Hilfe der Normen überprüft werden kann.

 2.9 Fördern Sie die Kreativität der Schüler durch Einplanung von Ideenfindungsmethoden, (Brainstorming, morphologischer Kasten...), finden von Alternativen usw.

2.10 Berücksichtigen Sie Umweltaspekte und Aufgaben z.B. zum gesellschaftlichen Nutzen, zur Kostenrechnung

3. Beispiele für Aufgabenstellungen

3.1 Beispiel für ungünstige Aufgabenstellungen

1. Ein Werkstück soll gebohrt werden. Der Bohrerdurchmesser beträgt 22 mm, die Schnittgeschwindigkeit vc = 25 m/min.
    Berechnen Sie die einzustellende Umdrehungsfrequenz!

2. Nennen Sie die drei verschiedenen Bohrertypen, geben Sie jeweils an, für welchen Werkstoff sie verwendet werden.

3. Nennen Sie drei verschiedene Bauarten von Bohrmaschinen!

4. Geben Sie die Arbeitsschritte an, die erforderlich sind, um eine Bohrung in das Werkstück einzubringen!

5. Nennen Sie zwei verschiedene Schneidstoffe für Bohwerkzeuge!

(...)


3.2 Beispiel für eher günstige Aufgabenstellungen 3)
(Hinweis: Je mehr die Lernenden das Handlungsschema "verinnerlicht" haben, desto weniger ist eine Zergliederung in Teilaufgaben erforderlich. Das nachfolgende Beispiel könnte - als "beste" Form, eine einzige Aufgabe enthalten, so z.B.: "Erstellen Sie die erforderlichen technischen Unterlagen!")

Problemstellung

Das skizzierte Werkstück soll als Ersatzteil mit Hilfe einer Bohrmaschine hergestellt werden. Dazu ist eine Vielzahl von Planungsschritten erforderlich, von denen hier einige beispielhaft ausgeführt werden sollen.

Aufgaben:
1. Damit die Ausführung der Bohrarbeit reibungslos verlaufen kann, ist es sinnvoll, die Vorgehensweise vorher zu planen.
Erstellen Sie daher einen Arbeitsplan nach dem folgenden Muster:

Nr.                     Arbeitsgang                         Werkzeug/Prüfmittel
1                         Anreißen

 2. Um optimale Ergebnisse zu erreichen, muß die richtige Umdrehungsfrequenz des Werkzeugs ermittelt werden.
a) Entscheiden Sie, ob Sie ein Werkzeug aus HSS oder Hartmetall verwenden!
    Begründen Sie Ihre Entscheidung!
b) Entscheiden Sie, welchen Werkzeugtyp Sie verwenden. Begründung!
c) Ermitteln Sie mit Hilfe des Tabellenbuches die Schnittgeschwindigkeit vc für das von Ihnen gewählte Werkzeug
d) Berechnen Sie die erforderliche Umdrehungsfrequenz!

3. In der Werkstatt stehen Ihnen folgende Maschinen zur Verfügung: Handbohrmaschine, Tischbohrmaschine, Säulenbohrmaschine.
Wählen Sie eine Maschine aus, begründen Sie Ihre Entscheidung!
(...)

Die Ergebnisse der zweiten Aufgabenstellung sind vergleichbar mit denen der ersten (ungünstigen).

Folgende Unterschiede sind feststellbar:

1. Durch die einleitende Problemstellung wird der Lernende auf das Thema "eingestimmt"
   (Heute übrigens sogar schon in IHK-Prüfungen Standard)

2.In der zweiten Version sind die Arbeitsschritte "organisch" gegliedert, die Arbeitsfolge ist angelehnt an die berufliche Wirklichkeit.

3. Die zweite Version ermöglicht Handlungsspielräume (Wahl des Schneidstoffes, der Maschine)

4 . Die zweite Version verlangt den Umgang mit Tabellenwerken und fördert somit die Methodenkompetenz.

5. Es können folgende Gütekriterien bewertet werden:

- Selbständigkeit ( Auswahl der Werte, Maschinen usw.)
- Gegenstandsbezug (alle fachlichen Dinge)
- Zielgerichtetheit (Arbeitsplanung)

Subjektbezug und soziale Eingebundenheit sind in solchen schriftlichen Aufgabenstellungen naturgemäß nur sehr schwer zu überprüfen.
 

Nachteile der zweiten Version gegenüber der ersten Version:

1. Der Aufwand zur Erstellung der Arbeit ist größer
    aber : durch Computereinsatz können Textbausteine verwendet werden

2. Der Lernende muß mehr Text verarbeiten
    aber : das Verarbeiten von Informationen rückt immer mehr in den Vordergrund. Daher ist eine größere Textmenge kaum zu
    vermeiden und im Sinne "funktionaler Ziele"erwünscht.

3. Der Korrekturaufwand ist größer
    aber : es wird eine größere Trennschärfe erreicht, die Einsicht des Lernenden in die  Notwendigkeit der Lernerfolgskontrolle
    wird vergrößert, daher auch: bessere Motivaton

4. Die zweite Version verlangt dem Lernenden höhere Transferleistungen ab
    aber: wir wollen handlungskompetente Schüler!

4. Literaturhinweise

1) Entnommen aus: Praxis des handlungsorientierten Unterrichts. Handreichungen für Metall- und Elektroberufe. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest, 1992

2) Vgl.: Praxis des handlungsorientierten Unterrichts. Handreichungen für Metall- und Elektroberufe. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest, 1992, S. 2.9

3) Vgl. Richter, Helmut: Projektaufgaben Metallbearbeitung, Berlin 1993